Must-Goes
Musik, Medien, Kultur, Selbstbeherrschung. Über
Partyorte der Technobewegung.
Technofreunde gehören zur Spaßgesellschaft und
brauchen keinen Grund für eine Party. Wenn sie Lust darauf haben,
tanzen sie, egal wo das Fest steigt: in einem Fußgängertunnel,
in einer Tram oder an einem Baggersee. Ob eine Location angesagt ist,
entscheidet der Zeitgeist.
Um 15 Uhr legt das Schiff der KD Flotte „MS Rheinenergie“
am Kölner Rheinufer ab. Es ist der perfekte Tag für eine
sonnige Schipperfahrt mit deutschem Bohnenkaffee, einem Streusel-
oder Marmorkuchen und einer Cola. Das Bordpersonal im Matrosenhemd
verkauft aber Alkopops, Bier und Sandwich mit Käse oder Wurst.
Denn heute gehen keine Großeltern mit ihren Enkeln an Deck,
um das rheinische Land zu sehen, sondern junge Menschen, die das
10-Jährige Bestehen der „Pollerwiesen“ Feste feiern.
Zwei Stunden Fahrt flussabwärts und die Passagiere haben Gänsehaut:
Die Menge feuert den DJ an, grölt, pfeift und tanzt, bis das
Deck bebt. Die Musik schallt so laut, dass Schaulustige von ihren
Balkonen winken und Wochendausflügler von Brücken gaffen,
als würde das Partyschiff Kurs auf Amerika nehmen und damit
die direkte Route ins Verderben wählen.
In ihren Augen ist das Saufgelage an Deck das Ende der Jugend,
in den Augen der Veranstalter, dass Fest des Jahrhunderts. Schließlich
sind die Pollerwiesen-Partys, die jeden Sommer am Rhein statt finden,
schon die heftigsten der Region. Aber die Jubiläumsfeier sollte
alles vorherige toppen. Der Veranstalter buchte die MS Rheinenergie,
die eigentlich für „Kaffeefahrten“ gebaut wurde,
und drei bekannte DJs der Szene: Tobi Neumann aus Berlin, Dinky
aus New York und Michael Meyer aus Köln. Als die Technoszene
spitz bekam, dass dieses Line-up bei dem Sonntagstrip am Start ist,
kauften die Enthusiasten in nur vier Tagen die 800 Bordkarten. Viele
bemühten sich vergebens um eine Karte.
Die Technoszene ist groß, größer als man vielleicht
denkt: Ihre Musik mobilisiert seit den 90ern allein in Deutschland
etwa eineinhalb bis zwei Millionen Jugendliche. Sie besuchen Woche
für Woche Technopartys, wollen Spaß, und das an jedem
Ort. Allerdings sind sie wählerisch: Ist die Location alt,
verlieren die Leute schnell die Lust. Denn sie brauchen Reiz der
Location, damit sie durch die Abwechslung unterhalten werden.
Der Zeitgeistgeschmack spielt in der Technoszene eine ebenso große
Rolle wie in der Mode. Designer forschen nach Trends für die
kommende Saison, den „Must-Haves“, und die Fashion Victoms
legen großen Wert darauf diese vor dem Mainstream zu tragen.
Und die Partyveranstalter suchen nach außergewöhnlichen
Orten für ihre Anhänger, den „Must-Goes“,
damit der Technounderground vor anderen Szenen dort feiern kann.
In beiden Szenen gilt es Trends zu setzen, um erfolgreich zu sein.
Anfang der 90er sah das Party-Trendsetting anders aus als heute.
Laut Dr. Ansgar Jerrentrup, war Techno „eine Clubmusik für
junge Leute des ausgehenden 20. Jahrhunderts“, so der akademische
Oberrat für Musikpädagogik an der Universität Wuppertal.
Die Musikmacher produzierten „Club-Mix“-Versionen speziell
für die Techno-Diskothek. In geschlossenen Räumen, wo
die Musik schallt und das Licht an den Wänden reflektiert,
kommt eher ein Underground-Flair auf als in freier Natur, dachten
die Produzenten der Elektrolabels.
Deutschlands Technobewegung verzog sich also in alte Fabrikhallen
oder stillgelegte Gebäude. 1991 stand in Berlin das „Kellerloch“
des Kaufhauses Wertheim, das in den 20ern Jahren das größte
in Europa war, leer. Die unterirdische Stahlgruft eignete sich perfekt
als In-Club für die Technoszene. Das Interfish Label um Dimitri
Hegemann entdeckte den Raum mit den Gitterwänden – das
letzte was auf den ehemaligen Save des Warenhauses hinwies und eröffnete
darin den Technoclub „Tresor“.
Die Münchner brauchten für ihre Leute auch einen Technoladen.
Sie ließen sich nicht lumpen, wie der Bayer sagt. Als am 17.
Mai 1992 der Münchner Airport zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen
nach Hallbergmoos um zog, ergriffen die Partybetreiber die Initiative:
Sie bauten in den Terminal einen Club, in dem Tom Novy, Sven Väth
oder Dr. Motte den besten Szenetechno aus Deutschland aufgelegten.
In einer Clubnacht gibt es zwar Sirenen, aber keinen Pausen- oder
Finishgong. Kein Morgengrauen oder Sonnenschein stoppt die Durchtanzparolen
der Enthusiasten, denn sogar das Feiern bei Tageslicht gehört
zum Technodasein dazu. Seit Mitte der 90er gehen sie zu Technoparaden
oder Outdoor-Raves, die nachmittags unter freiem Himmel starten
und abends in den Clubs zu Afterpartys enden. Die Paraden wurden
von Jahr zu Jahr größer, bis 1997 eine Millionen Jugendliche
auf der Loveparade für den Frieden und die Liebe tanzten. Doch
leider ohne die Urraver und Untergrundszene. Sie mieden den Tanzumzug,
weil er zur Massen- und Medienveranstaltung mutiert war und gingen
lieber auf unbekannte Paraden, wie die Streetparade in Zürich.
Dort zelebrierten sich Szenegänger neben Touristen, Heimischen
und Angereisten mehrere Tage und Nächte ohne Unterbrechung,
bis auch schließlich hier die Werbekampagnen das Szene- und
damit Undergroundgefühl kaputt warben.
Den nächsten Kick holten sich die Technoiden an illegalen
Partyorten. Die Szene fühlte sich dabei mächtig, schließlich
spielen sie mit der Gefahr erwischt zu werden. Kommt die Polizei,
gibt es Ärger wegen Ruhestörung? Egal ob das Fest drinnen
oder draußen statt fand, es durfte dort vorher niemand gefeiert
haben, die Art der Location musste neu sein, immer wieder wechseln
und für ungeladene Gäste nicht findbar sein. Umso mehr
davon zutraf, desto mehr Menschen besuchten die Party. Die Clubbetreiber
reagierten: Sie feierten weiterhin ihre Resident-Nächte mit
festgelegtem Programm im Club, veranstalteten aber zusätzlich
Partys in Fußgängerunterführungen, auf Stationierungsgeländen
für Atomraketen oder verlassenen Bunkern. Partyveranstalter
verteilten Flyer, auf denen versteckte Partyplätze unter Autobahnbrücken
oder in Waldlichtungen aufgezeichnet waren.
Eigentlich ähneln Partyflyer den Einladungskarten für
Modenschauen: Ein emotionales Foto, meist sexy, Datum, Uhrzeit und
Wegbeschreibung. Ohne die hätte keine Moderedakteurin die abwegigen
Locations gefunden, denn im Jahr 1997 lud die Modeszene auch gerne
zu Open Air Modeschauen ein. In Mailand zitterten und bibberten
die Schreiberlinge von Vogue, Elle und Marie Claire im xxx Park,
als xxx seine xxx Kollektion zeigte. Pavillons und Heizstrahler
reichten nicht aus, um die Damen zu wärmen. Selbst die Suppe
konnte die Stimmung nicht anheizen und ohne den Champagner wäre
die Präsentation wohl völlig ins Wasser gefallen. Der
brauchte wenigstens die ein oder andere zum Lachen.
Fortan präsentierten die Modedesigner lieber wieder drinnen.
Patrick Taschler, Moderedakteur beim SZ-Magazin, erinnert sich:
„Ende der Neunziger sahen wir die Schauen oft in Privatwohnungen,
das war familiärer.“ Zu der Möglichkeit in kleinen
Zimmern oder große Räumen zu zeigen, erfand John Galliano
eine dritte: Der Modedesigner eröffnete die neue Saison mit
einer Show auf seinem Hausboot in Paris, also einer schwimmenden
Location.
Auch die Technoszene musste sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts
wieder neu erfinden. Sie erweiterte ihre Ortpalette auf die mobile
Location. Trambahnen und Schiffe wurden zu fahrenden Veranstaltungsorten.
Schon auf der ersten Love Parade in Berlin 1989 begleitete ein fahrender
Truck mit einer Lautsprecheranlage 150 Personen. Die Leute bewegten
sich aber selbst tanzend voran.
Heute lassen sie sich transportieren. Der Technoveranstalter Submovers
organisiert jedes Jahr die Winter-Trambahn-Party in München.
Die Organisation für elektronische Musik mietet beim Städtischen
Nahverkehr eine Tram, die nicht mehr zur Personenbeförderung
genutzt wird. Die Hälfte der alten Holzsitze sind ausgebaut,
statt dessen stehen dort zwei Tresen. Die „Submovers“
dekorieren den Innenraum mit Tarnnetzen der Bundeswehr und kleben
die Deckenleuchten mit gelbem und rotem Kreppbändern ab. Die
Route startet am Orleanplatz und endet vor dem Club, wo die After-Show
steigt.
Allerdings bringen die fahrenden Feste technische Probleme: Eine
Tram rüttelt wenn sie fährt, und damit die LPs dabei nicht
hüpfen, bauen die Veranstalter ein schwebendes DJ-Pult. Sie
befestigen ein Brett mit Seilen an der Decke. Auf dem Holzpult stehen
die Plattenspieler, die nicht erschüttert werden, weil das
Brett nirgendwo anstoßen kann. „Das ist nicht das einzige
Problem was wir haben, aber wir basteln so lange bis es klappt“,
Ralf L., 30 Jahre alt und Mitveranstalter.
Etwa 200 Leute passen in einen Wagon. Es ist so eng und stickig
das die Fensterscheiben beschlagen. Toiletten gibt es nicht. Die
Tram hält zweimal während der dreistündigen Fahrt,
bei denen die Passagiere fünf Minuten Zeit haben, in das Gebüsch
zu pinkeln. Obwohl es eigentlich kalt genug draußen ist und
die Mädchen in Trägertops und die Jungs in T-Shirts ihre
Pissstelle suchen, beschmeißen sie sich beim zweiten Stopp
mit Schneebällen oder reiben sich gegenseitig ein – sie
sind betrunken, zugekokst oder drauf (haben Exctesy genommen).
Gerade wieder im Trend ist das Reise-Event, die Steigerung des
„Move-Events“. Man sucht sich nicht einen bestimmten
Ort, wie einen U-Bahnschacht oder ein Sonnenblumenfeld, sondern
man verreist, um abwechselnd zu feiern und zu entspannen. Dabei
zelebrieren die Teilnehmer schon die An- und Abreise als Teil der
Party. Die Organisation Partysanen veranstaltet jedes Jahr mehrere
Partyurlaube. Die „Rave & Cruise“, bei der Kreuzfahrten
durch das Mittelmeer gemacht werden, die Ski- und Snowboardveranstaltung
„Rave & Snow“ in Saalbach-Hinterglemm in Österreich
oder die „Thaibreak“, eine Reise nach Bangkok mit Party
am Sandstrand und Erholung in Bungalows.
Sponsoren ermöglichen durch ihre Finanzspritze, die Reisen
bezahlbar zu machen. Der Telekommunikationsanbieter „O2“
hat die Kaufkraft der Technoenthusiasten erkannt und wirbt auf den
Events mit Angeboten, die auf die Zielgruppe abgerichtet sind. Das
ist nicht das einzige Unternehmen, welches das Potenzial schätzt.
Red Bull, Skyy Wodka, Campari oder Becks kämpfen auf Technoevents
um jeden einzelnen Trinker. Der Absatz ist da: Der deutsche Soziologe
Helmut Arens, der sich seit Beginn der Technoära mit dieser
Szene befasst, schätzt die Zahl der Alkoholabhängigen
auf 2,5 Millionen. Um gute Verkaufszahlen müssen sich die Anbieter
also keine Sorgen machen, nur um ihr Image. Denn die Meinungsmacher
aus der Szene ziehen sich von großen Veranstaltung mal wieder
zurück und feiern im kleineren Rahmen, dass können sie
auch ohne „can do“.
|